Restitution der Würde?
Human Remains – Kolonialismus – Menschlichkeit
Vor dem Hintergrund des Kolonialismus – von der gewaltsamen Eroberung fremder Gebiete über das Entwenden vermeintlicher Kunstgegenstände sowie sogenannter menschlicher Überreste bis hin zum Fortbestehen kolonialer Strukturen in der heutigen globalen Ordnung – widmete sich das Projekt der menschlichen Dimension: der Verletzung von Würde und der Frage nach Wiedergutmachung.
In einem kontinuierlichen Dialog – mündlich sowie in Form eines Denktagebuchs – loteten die Philosophin Nadja Germann (Universität Freiburg, Deutschland) und der Literatur- und Kulturwissenschaftler Albert Gouaffo (Universität Dschang, Kamerun) Möglichkeiten eines Auswegs aus der «kolonialen Sackgasse» aus. In regelmäßigen Abständen aufgenommen wurden sie dabei von Balz Andrea Alter (Universität Freiburg, Deutschland), einem mit der digitalen Kinematographie arbeitenden Sozialwissenschaftler und Medienphilosophen, der durch die multimediale Begleitung des dialogischen Experiments eine selbstreflexive Brechung und Beobachtung zweiter Ordnung ermöglichte.
Finanziert wurde das Projekt von November 2023 bis April 2025 von der Volkswagen Stiftung und war am Africa Centre for Transregional Research (ACT) der Universität Freiburg angesiedelt.
Das Projekt: ein dialogisches Experiment
Forschungsprozess
Historische
Ausgangslage
Der Ausgangspunkt des Projektes waren sogenannte «menschliche Überreste» aus kolonialem Kontext in der Alexander Ecker-Sammlung im Universitätsarchiv Freiburg. Verschiedene der dort gelagerten Schädel konnten zwischenzeitlich zugeordnet werden, darunter mehrere, die aus dem heutigen Kamerun stammen und unter gewaltsamen Umständen – im Rahmen sogenannter «Strafexpeditionen» der deutschen Kolonisatoren – in diese Sammlung kamen, um der Rassenforschung zugeführt zu werden.
Angesichts solcher kolonialer Verbrechen stellt sich die zentrale Frage des Projektes: Kann Würde, einmal verletzt und geraubt, wiederhergestellt werden? Inwiefern lassen sich die Wunden und schwer beschädigten Beziehungen zwischen ehemaligen Kolonisator*innen und vormals Kolonisierten heilen und auf eine bessere, eine menschlichere Grundlage stellen?
Vom Dialog zum
Polylog
Die Philosophin Nadja Germann (Universität Freiburg, Deutschland) und der Literatur- und Kulturwissenschaftler Albert Gouaffo (Universität Dschang, Kamerun) versuchten in einem dialogischen Prozess die Möglichkeiten eines Auswegs aus der «kolonialen Sackgasse» auszuloten, in Form eines fortlaufenden Gesprächs sowie eines schriftlich geführten dialogischen Denktagebuchs.
Darüber hinaus suchten sie nach Gelegenheiten, den Dialog zu einem Polylog zu öffnen: zu einem Austausch nicht nur zwischen zwei Gesprächspartner*innen, sondern mehreren, die ihre je eigenen Prägungen, Geschichten und Perspektiven – eben «Logiken» – ins Gespräch mit einbringen.
Methodik
Drei zentrale Momente lagen der Arbeitsweise in diesem Projekt zugrunde.
Erstens, der kontinuierliche Dialog, der auf mehreren Ebenen, mündlich und schriftlich sowie unter Einbezug verschiedener ergänzender Formen des Austauschs stattfindet.
Zweitens, die Immersion, das Eintauchen in die Kultur der*des Anderen. Getragen wurde dieses Moment von der Überzeugung, dass die persönliche, leibhaftige Erfahrung einen wesentlichen Beitrag zum gegenseitigen Verstehenlernen darstellt. Erkenntnis, so die Einsicht, ist nicht nur Sache der Vernunft, sondern involviert den ganzen Körper und dessen sinnlich-emotionales Sensorium.
Drittens, die multimodale Begleitung und Strukturierung sowie die selbstreflexive Brechung des Prozesses in Gestalt der von Balz Andrea Alter entwickelten Screen back for feedback-Methode im kinematographischen Reallabor.
Doppelte Brechung
Der Dialog wurde in bestimmten Abständen schlaglichtartig aufgenommen (Audio- und Bildmaterial) und den beiden Dialogpartner*innen vorgeführt. Auch dabei wurden die beiden aufgenommen, um nicht nur eine Beobachtung zweiten, sondern auch dritten Grades zu garantieren. Dies soll es den beiden ermöglichen, ihr Gespräch selbstkritisch unter die Lupe und eigene «blinde Flecken» sowie unbewusste Stereotypen wahrzunehmen. Dadurch wurden sie zugleich zu Subjekten und Objekten, zu Beobachter*innen und Informant*innen.
Anhand der Aufnahmen, ihrer gezielten gemeinsamen Betrachtung und selbstkritischen Reflexion wurde so ein doppelt gebrochener Reflexionsprozess angestoßen, der zugleich auch wieder dokumentiert wurde und damit den Entwicklungsprozess sichtbar machte.
Etappen

Kinematographisches Labor
Zum offenen Gespräch und Dialog trafen sich Albert Gouaffo und Nadja Germann regelmäßig in einem von Balz Andrea Alter speziell dafür entwickelten Setting, dem kinematographischen Labor.
Freiburg
Januar und Februar 2024

Immersion
Im Juni und Juli 2024 war Nadja Germann für sechs Wochen in Dschang, Kamerun, um dort den Dialog mit Albert Gouaffo fortzusetzen.
Dschang, Kamerun
Juni und Juli 2024

Zurück im Studio
Ab dem 5. November ging es weiter mit der Studioarbeit in Freiburg. Albert Gouaffo und Nadja Germann reflektieren gemeinsam ihre Zeit in Kamerun und welche neuen Dimensionsn sich dadurch eröffnet haben.
Freiburg
Herbst 2024
Hinter den Kulissen
Beteiligte

Nadja Germann
Principal Investigator
Nadja Germann ist ordentliche Professorin für transkulturelle und arabische Philosophie an der Universität Freiburg und Dialogpartnerin im Projekt «Restitution der Würde?».
Ihre Forschung konzentriert sich vor allem auf Sprachphilosophie, Epistemologie, Anthropologie, Methoden des transkulturellen und dekolonialen Philosophierens sowie islamische Philosophie des Nahen Ostens und Afrikas.
Nach einem Studium der Philosophie, Geschichte, mittelalterlichen Literatur sowie Islamwissenschaften in Konstanz und Tübingen, führten sie Forschungsaufenthalte und Professuren nach Leuven, Boston, Yale, Baltimore, Genf und Freiburg.

Albert Gouaffo
Principal Investigator
Albert Gouaffo ist ordentlicher Professor für Literatur- und Kulturwissenschaften mit germanistischem Schwerpunkt an der Universität Dschang.
Seine Forschung beschäftigt sich vor allem mit deutscher Literatur und (Gedächtnis-)Kultur sowie interkultureller Kommunikation mit einem Akzent auf Deutschland, dem frankophonen Afrika und Postkolonialismus.
Er studierte Germanistik und afrikanische Literatur an der Universität Yaoundé und habilitierte sich mit einer Arbeit zu deutscher Literatur und Deutsch als Fremdsprache an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken.

Balz Andrea Alter
Principal Investigator
Balz Andrea Alter ist Kurator und Koordinator für Wissenschaftskommunikation am Africa Centre for Transregional Research. In seinen aktuellen Tätigkeiten verwendet er Film als Forschung und lässt damit den Forschungsprozess zum Kommunikationsprozess und den Kommunikationsprozess zum Forschungsprozess werden.
Seit 2021 adaptierte er die in seiner Dissertation entwickelte Methodik weiter, um nun die Afrika-Deutschland-Beziehungen anhand des Fallbeispiels Freiburg und Dschang aufzuarbeiten. Zudem ist er in diesem Projekt als Projektkoordinator tätig.
Er studierte Sozialanthropologie, Volkswirtschaft und Religionswissenschaften in Aarhus, Basel und Zürich. Ausgedehnte Forschungstätigkeiten in Indien, Nepal, Namibia, Kamerun und Frankreich, insbesondere Paris, prägten sein Denken wie auch seine Forschungspraxis entscheidend.

Richard Plankenhorn
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Richard Plankenhorn war wissenschaftlicher Mitarbeiter im «Restitution der Würde?»-Projekt. Zu seinen Schwerpunkten gehörte die filmische Begleitung und Nachbereitung des Forschungsprojekts in Dschang und Freiburg.
Er studierte Politik- und Islamwissenschaft an der Universität Freiburg und war für dreieinhalb Jahre als studentische Hilfskraft am Africa Centre for Transregional Research tätig.

Kevine Touonsine Touonsi
Wissenschaftliche Assistentin
Kevine Touonsi ist Doktorandin von Albert Gouaffo und arbeitet an einer Dissertation zum Thema «Migration von Afrikanern nach Deutschland und von Deutschen nach Afrika im deutschsprachigen Roman von 1990–2020: Darstellung, Form und Funktion». Sie war Assistentin von Nadja Germann während ihrer Aufenthalte in Dschang.

Jordan Kamga
Wissenschaftlicher Assistent
Jordan Kamga ist Doktorand von Albert Gouaffo und arbeitet an einer Dissertation zum Thema «La presse écrite allemande et la question de restitution du patrimoine culturel africain spolié à l'ère coloniale (2017–2023)». Er war Assistent von Nadja Germann während ihrer Aufenthalte in Dschang.
Förderung
Gefördert von der VolkswagenStiftung, entfaltete sich in diesem Projekt über eine Gesamtlaufzeit von 18 Monaten ein fortlaufender Dialog zwischen Nadja Germann und Albert Gouaffo, der auf verschiedenen Ebenen stattfand. Zum einen durch die regelmäßigen Treffen während der «Immersion»: der Aufenthalte von Albert Gouaffo in Freiburg und von Nadja Germann in Dschang. Zum anderen in Gestalt eines dialogischen Denktagebuchs, an dem die beiden Forscher*innen während ihrer jeweiligen Aufenthalte in schriftlicher Form arbeiteten. Und last but not least durch die Arbeit in dem von Balz Andrea Alter konzipierten kinematographischen Reallabor: In einem iterativen Prozess wurden die Dialogpartner*innen immer wieder gefilmt, mit früheren Aufnahmen konfrontiert, dabei gleichzeitig wieder gefilmt und so beim Aufdecken «blinder Flecken» und unbewusster Stereotypen der eigenen Wahrnehmung und Weltsicht unterstützt.

VolkswagenStiftung für
Wissenschaftsförderung

Albert-Ludwigs-
Universität Freiburg

Universität Dschang






